Respekt

Kürzlich hat mir ein Aikidoka eine lehrreiche Geschichte erzählt.

Er fuhr mit seinem Auto auf einer Straße auf deren beiden Seiten Autos parkten, so dass in der Mitte lediglich für die Durchfahrt eines Autos Platz blieb. Von links bog plötzlich und recht schnell ein anderer Wagen in die Straße ein und schnitt ihm den Weg ab. Beide Fahrer waren augenblicklich mit der Tatsache konfrontiert, dass einer von ihnen zurücksetzen müsste, damit der Verkehr wieder in Fluss kommt. Es war aber auch offensichtlich, dass der von links kommende Wagen leichter hätte den Weg frei machen können. Zunächst passierte jedoch nichts, beide warteten auf das Weichen des anderen. Die Spannung stieg in Sekundenschnelle bis der junge Fahrer des von links kommenden Wagens plötzlich rief: “Ich polier’ dir gleich die Fresse!” Der Aikidoka stellte den Motor ab, dachte kurz an Nikkyo, begann aber doch lieber seelenruhig sich mit seiner Freundin, der etwas eingeschüchterten Beifahrerin zu unterhalten.

Die Spannung stieg weiter, die Symbole und Zeichen aus dem anderen Auto wurden deutlicher … bis endlich ein weiterer Akteur auf die Bühne trat, ein Autofahrer, der hinter dem jungen Mann halten musste. Er überblickte die Lage schnell und ging zunächst zum Aikidoka, denn er war sein Nachbar. Sie unterhielten sich kurz. Er ging dann zurück zum anderen Fahrer und sprach mit ihm. Was immer er ihm auch sagte, der junge Fahrer legte den Rückwärtsgang ein und machte den Weg frei, so dass der Aikidoka durchfahren konnte. Als Reaktion darauf setzte der Aikidoka aber auch zurück und machte seinerseits auch den Weg frei. Dies war zu viel für den jungen Fahrer. Er schaute verdutzt, fuhr los und verließ schleunigst aber womöglich nicht beruhigt den Schauplatz.

“Siehst Du, das war Aikido”, sagte dann der Aikidoka zu seiner Freundin.
“Das ist Aikido?” fragte sie verwundert.
“Ja”, war die einfache Antwort.

Nun, das ist Aikido.

Das allzu menschliche Aufeinanderprallen der gefühlsbetonten Reaktionen hat nicht zur Entwirrung der Lage geführt. Erst als die eine Seite nachgab, wurde dies von der anderen Seite mit Respekt und Anerkennung gewürdigt, und die Spannung löste sich ohne ernsthafte Auseinandersetzung auf. Welche Rolle spielte aber dabei der Nachbar? Er war der Auslöser der Erkenntnis, er hat die Lehre des Aikido ins Spiel gebracht: das Nachgeben ist kein Gesichtsverlust, es dient vielmehr als Schutz für beide Parteien. Und vor allem, Respekt erzeugt Respekt. Anerkennung ist kein Zeichen von Schwäche, im Gegenteil.

Ja, das ist Aikido. Und wir lernen immer weiter. Vielleicht kommen wir irgendwann auch in den Zustand der unmittelbaren Awase im Umgang miteinander.

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