Iwama Aikido

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Erfahrungsberichte

Fortgeschrittene

 

Christiane

 

Ich gebe zu, ich komme ins Flegelalter.

 

Ich bin schon mittendrin.

 

Seit Februar 2002 treibe ich Sport wie niemals zuvor in meinem Leben: ich bin in den letzten viereinhalb Jahren zwei- bis dreimal die Woche ins Training gerannt, besuche Aikido-Seminare, lehne sogar berufliche Termine ab oder organisiere sie um. Fürs Aikido.

 

Und jetzt allmählich denke ich: es nimmt Formen an. Ich überlege nur noch selten, wo mein drittes Bein hingekommen ist. Oder wo die zweite Hand herkommt (hing die schon immer an mir dran?). Oder wohin ich gehen, gucken, mich drehen soll, nachdem meine Trainingspartner zurechtgekippt sind.

 

Bis vor vier Jahren und acht Monaten habe ich meist sehr gute Gründe gefunden, um mich *nicht* bewegen zu müssen, 29 Jahre lang. Heute bin ich stolz darauf, daß ich es mit der Geduld und der Hilfe aller anderen im Dojo, vieler Seminar-Bekannter und Lehrer bis zum 1. kyu geschafft habe. Und jetzt will ich etwas damit anfangen.

 

Ich muß mich bremsen, um nicht in meinem Freundeskreis außerhalb des Dojos zu fragen: "Darf ich mal kurz Dein Handgelenk... geht das bei Dir auch?" Ich habe Lust darauf, in aller Freundschaft mit irgendwelchen Leuten herumzurangeln, nur weil sie die Statur eines Kühlschrankes oder eines Heißluftballons haben, und ich ertappe mich bei der Überlegung: Mit welcher Technik würd' ich den da am besten...?

 

In der letzten Zeit habe ich im Training öfters den Satz gehört: "Heut' willst'es aber wissen!"

 

Ja, ich will's wissen. Jetzt, wo ich die Formen einigermaßen verinnerlicht habe, will ich wissen, ob sie funktionieren, oder ob meine erfahrenen Trainingspartner nur rücksichtsvoll genug sind, mir den Erfolg einer wirksam ausgeführten Technik zu verschaffen.

 

Ich will auch wissen, ob ihre Techniken bei mir greifen. Ich bin stur und lasse sie auflaufen. Ich mache mir Gedanken darüber, wie ich aus einem Griff entkommen kann. Ich suche noch auf dem Boden liegend Wege, um bäuchlings wegzurobben. Und ich nehme zur Kenntnis, daß ich das Aufbegehren - beispielsweise - mit einer unangenehm festen Verdrehung der Schulter bezahlen muß. Weil die anderen dann eben entschieden zupacken.

 

Zugegeben: beim sensei bin ich lieber vorsichtig. Ich vermute, daß ich die passende Reaktion auf einen Sturmangriff nicht vertragen könnte.

 

Ende des Monats hat einer meiner wichtigsten Trainingspartner seine Dan-Prüfung. Ich darf beim Waffen-Part sein Uke sein - worauf ich sehr stolz bin. Und weiß: dafür muß ich "Vokabeln" lernen. Formen, die auf meinem Stundenplan jetzt noch nicht draufstehen, und die ich nur hier und da mal auf einem Seminar geübt und dann fast vollständig wieder vergessen habe.

 

Was mich daran erinnert, daß dies die Eigenart des Aikido ist, die mich seit viereinhalb Jahren auf der Matte hält: man lernt immer wieder neu, gelegentlich auch ganz von vorne, und natürlich lernt man auch ständig ganz neue Formen kennen. Das mag überall so sein. Aber so konzentriert und unmittelbar habe ich es noch nirgendwo anders erfahren.

 

Christiane, im November 2006

 

 

 

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