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Geteilte Zeit

 

Extrem-Training:

„Hausschüler“ sein in Göteborg vom 25. - 30. Juni 2007

 

Ich war stolz, als die Einladung kam – und mußte auch nicht lange überlegen: natürlich würde ich hinfahren!

Alle halbe Jahre bietet der Göteborger Aikidoklub zwei „uchi deshi“-Wochen an. Das bedeutet: wer möchte, darf als „Hausschüler“ eine oder zwei Wochen im Göteborger Dojo leben und bei Ulf Evenas trainieren.

Diese Gelegenheit hatte ich Ende Juni 2007. Für mein allerersten Erfahrungen als uchi deshi wollte ich vorsichtig sein und habe mich nur für die erste Woche angemeldet.

 

Wer oft auf Lehrgänge geht, dem ist vor intensivem Training nicht bange. Ich jedoch war mir nicht sicher, was passieren würde, wenn ich Eigenbrötlerin in einer Gruppe 5 Tage auf engstem Raum verbringen müßte. Denn „im Dojo leben“ bedeutet, daß man sich nicht nur während des Trainings im Dojo aufhält, sondern dort auch gemeinsam den Haushalt erledigt, kocht, ißt, schläft, Zeit verbringt - lebt.

 

Vorweg: es war sehr anstrengend, aber es ging gut.

 

Der Stundenplan (soweit ich ihn noch im Kopf habe):

 

06:30h – aufstehen, putzen, Frühstück

08:30h – Training: Ken (bis 09:30h)

10:00h – Training: Jo (bis 11:30h)

ca. 13:00h – Mittagessen, freie Zeit

ca. 15:30h – freies Training

16:30h – putzen

18:30h – Training: tai jutsu, gemeinsam mit den regulären Klubmitgliedern (bis 19:45h)

anschließend: Abendessen, zusammensitzen, Schlafsack ausbreiten, schlafen gehen.

 

In jener Woche waren außer mir 15 andere Schüler als uchi deshi im Dojo: 5 Russen, 4 Litauer, 4 Schweden und 2 Dänen.

Wir waren 4 Frauen - und hatten tagsüber wenig Probleme, uns die Damen-Umkleide zu teilen. Die Männer hatten es weniger geräumig. Unser unschlagbarer Vorteil: das Dojo besitzt eine Waschmaschine... und die steht bei uns! Es war also nicht schwer, unsere Wäsche sauber zu halten.

 

Generell gilt: Wo auch immer man seine Besitztümer verteilt – abends müssen sie eingesammelt und auf den Dachboden gebracht werden. Ansonsten würde der Platz nicht ausreichen, wenn die Dojo-Mitglieder zum regulären Training kommen und ebenfalls ihre Taschen auspacken.

Da alle uchi deshi auf der Matte schlafen (Ohrstöpsel gehören zur Grundausstattung) und die Schlafsäcke und Luftmatratzen selbstverständlich morgens ebenfalls weggeräumt werden müssen, war ich viel damit beschäftigt, meinen Besitz von A nach B zu bringen. Stau auf der Dachboden-Treppe, Gedränge auf dem Flur, Eile vor dem Training: trotz guten Vorsätzen, sich sinnvoll zu organisieren, verführt die Praxis dazu, irgendwelche Sachen schnell in eine freie Ecke zu werfen. Schließlich will man rechtzeitig fertig werden.

Auf eigenen Platz - und sei es nur ein fester Quadratmeter - muß man in so einem Umfeld verzichten. Was für mich das allerschwerste war.

 

Die Mahlzeiten wurden gemeinsam eingenommen. Für das Frühstück und das Mittagessen galt das „Toban“-Prinzip, abends mußte sich jeder selbst versorgen.

„Toban“ bedeutet: es werden „Kochtrupps“ eingeteilt, die am Nachmittag vor ihrem Dienst während der freien Zeit einkaufen gehen. Diese Einteilung haben Ulf und unser „diensthabender Sempai“ aus Litauen vorgenommen. Die Gruppen waren immer international gemischt.

Morgens, während die anderen das Dojo putzen, und nach dem Vormittagstraining kochen die Toban und decken den Tisch. Die Küche ist vollständig eingerichtet - eine Geschirrspülmaschine allerdings gibt es nicht, so daß die Toban auch den kompletten Abwasch erledigen müssen.

Abends stellte jeder irgendetwas aus seinen Beständen auf den Tisch, so daß die merkwürdigsten Zusammenstellungen dabei herauskamen: Heringsbrot mit kaltem gekochtem Blumenkohl, Kartoffelchips, Zitronentee und Schokolade zum Nachtisch. Besonders die Russen und Litauer haben oft und gerne und immer wieder aus ihren Päckchen und Schüsseln angeboten.

 

Wir waren gebeten worden, am Sonntagabend anzureisen – schließlich sollte das Training am Montag früh um 08:30h beginnen.

 

Nach einer Einführung, der Klärung aller möglichen Details, einer Vorstellungsrunde und der offiziellen Erklärung, wer als Sempai zuständig ist für alle organisatorischen Fragen, blieben wir uns selbst überlassen. Bei diesem ersten Zusammensitzen stellte sich schnell heraus: alle können mehr oder weniger gut Englisch, aber die lingua franca würde Russisch sein.

 

Im Lauf der Woche lernte ich das Russische so einzuschätzen, daß ich ungefähr mitbekam, worüber gesprochen wird. Am Donnerstag fing ich an, meine etwa 10 russischen Vokabeln regelmäßig zu benutzen. Mit den Skandinaviern redete ich Schwedisch oder Englisch, sie spachen mit mir „Skandinavisch“, Englisch oder wortweise Deutsch. Die Russinnen redeten mit mir fließend Englisch, eine auch etwas Deutsch, ein Russe trainierte an mir tapfer sein Englisch und ein paar deutsche Vokabeln, die Litauer liessen sich auf Englisch ein und sprachen ansonsten Russisch. Litauisch blieb mir in der gesamten Woche völlig fremd bis auf zwei Vokabeln, die nur am späten Abend einsetzbar sind.

 

 

Ein Tagesablauf – und seine Variationen:

 

Aufstehen

 

Am ersten Tag krieche ich ausgeschlafen aus dem Schlafsack, organisiere mich und suche mir aus den Klub-Beständen Waffen aus.

 

Am zweiten Tag werde ich beinahe von der Matte gestaubsaugt: die Ohrstöpsel sind zuverlässig, und ich wache erst auf, als jemand mit dem sirrenden Staubsauger im Schlepptau in rhythmischem Schritt über die Matte stapft. Halb sieben ist viel zu früh für meinen Rhythmus. Also raffe ich mein Schlaflager unüberlegt zusammen, stopfe es irgendwohin und beteilige mich völlig verschlafen am allgemeinen Fegen und Wischen. Ich lerne die russischen Wörter für „Besen“ und „Handfeger“ - und daß die Schweden ihre Besen als „Müllbürste“ bezeichnen. Die Toban machen derweil Frühstück.

 

Am zweiten Abend bitte ich jemanden, mich morgens zu wecken. Ich will mich nicht blamieren durch ständiges Verschlafen.

 

Putzen

 

Im Göteborger Dojo gibt es einen „Putzplan“. Für jeden Trainingstag sind bestimmte Tätigkeiten vorgesehen, die normalerweise von den Klubmitgliedern erledigt werden. Gefegt wird immer, aber Arbeiten wie Toilette putzen oder die Matten mit dem Dampfreiniger behandeln sind bestimmten Tagen zugeordnet.

Die wenigsten uchi deshi verstehen den Putzplan: er ist natürlich auf Schwedisch geschrieben. Also ignorieren wir ihn.

Innerhalb einer halben Stunde sind alle Böden blitzblank, die Matte porentief rein und alle Bilder-, Tür- und Fensterrahmen abgestaubt. Die nächste halbe Stunde verbringen wir damit, uns irgendwelche belanglosen Arbeiten zu suchen. Zum Beispiel: die Türrahmen ein zweites Mal abstauben.

Mir gehen bereits zur Putzzeit des ersten Nachmittags die Ideen aus. Niemand kann sagen, ob noch etwas Bestimmtes dringend getan werden muß, die Anweisung des Sempai lautet: „Such' dir etwas, irgend etwas, Hauptsache, du beteiligst dich an der Arbeit“, und ich weigere mich, die Türrahmen und Lichtschalter zum 3. Mal zu wischen. Ich lerne einen russischen Dauerwitz: „Die Männer sagen, wir sollen unseren Raum frisch machen – und vor allem unser make-up.“

Einer der Litauer beginnt, die Lüftungsschächte aufzuschrauben (er lernt das deutsche Wort „igitt“), ich kümmere mich mit einer Russin um unseren Duschabfluß (ich lerne das russische Wort für „Albtraum“; es stammt aus dem Französischen).

Im Lauf der Woche beschäftige ich mich damit, alle Nägel festzuklopfen, Schrauben festzuziehen oder zu ersetzen und sorge dafür, daß ein Litauer und ein Schwede zwei oder drei Nachmittage lang mit der Acryl-Pistole spielen: das Segeltuch auf der Matte hatte Löcher, die mit Stoff heiß verklebt werden können. Weil es meine Idee war, durfte ich am ersten Nachmittag mitspielen.

Eine Litauerin steht unterdessen hoch oben auf der höchsten Leiter und putzt die Oberseite der Lampen. Unter der Leiter stehen zwei Männer und verbreiten Sicherheit. An den folgenden Tagen werden sowohl alle Lampen als auch die Lüftungsrohre unter der Decke von allen Seiten mehrfach geschrubbt.

Noch am ersten Abend nach dem regulären Abendtraining kommt eine Russin fassungslos in die Umkleide gelaufen: „Wißt ihr, was die Göteborger machen?! Sie putzen nochmal!!!“

Und eine Göteborgerin erzählt mir: „Ich wußte gar nicht, daß ab heute uchi deshi da sind. Aber als ich 'reinkam, roch es so frisch – so riecht es nur während der uchi-deshi-Wochen.“

 

Das Vormittagstraining

 

Die Vormittage sind den Waffen gewidmet. Wir gehen im Lauf der Woche das gesamte Waffenkompendium durch, nebst einiger „gängiger“ Variationen.

Gelegentlich kommen auch einzelne Göteborger ins Training.

 

Toban

 

Es ist Donnerstag. Morgen bin ich mit zwei Russen und einem Dänen als „Toban“ eingeteilt, und wir sind ratlos: die Toban vor uns haben so einfallsreich gekocht, daß uns nichts mehr einfällt. Es gab Reis und Nudeln, alle möglichen Sorten von Gemüse, Fleischklöpschen in unbegrenzter Menge, faszinierende (und leckere!) Nachtischkreationen - einmal sogar eine Suppe vorweg... und jetzt sind wir dran.

Einerseits haben wir Glück: wir müssen auf niemanden besondere Rücksicht nehmen. Keine strengen Vegetarier, keine Allergien, die man nicht austricksen könnte, keine besonderen Abneigungen, die unüberwindlich wären.

Andererseits fällt uns immer noch nichts ein. Und das, was mir einfällt, ist Tabu: Bratkartoffeln. Die sind verboten, weil es ganz allgemein verboten ist zu braten – der Dampfabzug schafft den Fettgeruch nicht. Ich schlage Spaghetti mit kleingeschnittenem und kurz angekochtem Gemüse, Schnittlauch und einer Kräutermarinade vor. Unser Däne schlägt als Nachtisch Eis mit Obst und Schokoladensoße vor. Unsere beiden Russen sind einverstanden, ein Autobesitzer bringt uns zu einem Großmarkt. Für das Frühstück besorgen wir das Übliche: „Polarbröd“, schwedisches Weißbrot, das entfernt an Pitabrot erinnert (in 30er-Packungen erhältlich), Joghurt in Literflaschen, Wurst bzw. Schinkenaufschnitt und einen großen Block Käse. Kaffee ist noch vorhanden, die Milch vergessen wir.

Das Geld kommt aus der Toban-Kasse, die wir aus unseren Beiträgen mitfinanziert haben.

 

Am Freitag früh freuen wir uns darüber, der allgemeinen Putzbeschäftigung zu entkommen. Die Begeisterung über das Käsehobeln und Kaffeekochen vergeht, als jemand damit beginnt, die Tische zu decken: uns wird bewußt, was ein Abwasch für 16 Leute bedeutet. Die vorhandenen Geschirrtücher sind zwar frisch gewaschen, aber immer noch naß.

 

Mittags haben wir unsere Spaghetti auf den letzten Drücker fertig. Und in dem Augenblick, in dem ich froh bin, daß das Essen fertig ist, kommt eine Russin und fragt, ob ich denn wirklich die Champignons roh auf den Tisch stellen wolle. Das würde sicherlich niemand essen. Ich beruhige sie und werde von den Skandinaviern bestätigt. Sie ist unzufrieden – so etwas esse in Rußland kein Mensch. Ich merke, daß ich wütend werde. Nach einer anstrendenden Woche gehen mir die Reserven aus, und sie hatte seit einer Stunde beobachtet, was wir am Herd treiben. Warum sagt sie nicht früher etwas?

Ich atme durch und erkläre freundlich, aber etwas kurz, daß sie ja mal probieren könne und sie sich außerdem gar keine Champignons nehmen müsse, wenn sie nicht möge. Auch sie ist empfindlich geworden und schnappt zurück. Nach dem Essen spülen wir einträchtig ab. Die wenigen restlichen Champignons landen abends (gemeinsam mit dem übrig gebliebenen Gemüse) in einem Krabbensalat.

 

Freizeit

 

Wir sind ausdrücklich aufgefordert worden, gelegentlich vor die Tür zu gehen. Schließlich liegt das Dojo im Souterrain – auch zu Mittsommer haben wir drinnen nur mäßiges Sonnenlicht.

Doch die Erschöpfung nimmt zu, und das Wetter ist schlecht, so daß eigentlich nur die Raucher regelmäßig das Dojo verlassen und an die frische Luft gehen. Ich habe die Wahl zwischen schlafen oder im Regen herumlaufen. An zwei Tagen entscheide ich mich für den Regen: ich möchte halbwegs allein sein, auch wenn ich mich mit den Leuten um mich herum gut verstehe. Die Zeit reicht gerade aus, um in die Stadt zu fahren und mir in meinem Lieblingsladen Muffins zu besorgen. Die Etikette verlangt, daß ich mich beim sempai abmelde und zum freien Training wieder zurückbin: sollte ich verloren gehen, würde jemand nach mir suchen.

Gegen 15h setzen sich einige regelmäßig zum Kaffee- oder Teetrinken zusammen, bevor es ans Nachmittagstraining geht.

 

Das freie Training am Nachmittag

 

... ist meist Waffentraining. Wir haben entweder selbst eine Arbeitsliste angelegt oder Hausaufgaben von Ulf bekommen. Die Erinnerungen an den Vormittag sind noch frisch, jeder von uns versucht, das zu tun, was er noch ausprobieren wollte. Gelegentlich verabreden sich einige schon vormittags für das freie Training. Aber dann fügt es sich doch meist anders. Manche üben einzeln, vor dem Spiegel ist selten Platz. Früher oder später steht aber bestimmt jemand herum und hält Ausschau nach jemand anderem, mit dem er dieses oder jenes trainieren kann. Die Sempai lassen sich gerne ansprechen – und gelegentlich bekommt jemand Nachhilfeunterricht beim Sempai, ohne darum bitten zu müssen.

 

Tai jutsu wird in dieser Stunde so gut wie nie geübt. Erstens, weil das Training vom vergangenen Abend schon so lang zurückliegt. Zweitens, weil man lieber darauf verzichtet, solange so viele andere mit Waffen auf der Matte stehen. Ein- oder zweimal nutzen Pärchen die letzten fünf Minuten für einzelne waffenlose Techniken, bevor endgültig das Putzkommando erteilt wird.

 

Das Abendtraining

 

Es wird voll auf der Matte. Trotz der Ferien sind noch viele Klubmitglieder in der Stadt, und da dieses Training das einzige am Tag ist (sonst sind es bis zu drei), kommen sie alle auf einmal. Blutige Anfänger sind dabei, natürlich auch die Göteborger Sempai. Eigentlich haben wir kaum Platz, aber es geht trotzdem. Nachdem ich den ganzen Tag kritischen Blicken ausgesetzt war und jeden Abend immerhin schon über drei Stunden Training hinter mir habe, bin ich froh, mit Anfängern trainieren zu können. Die gucken wenigstens nicht *mich* kritisch an. Körperlich ist es der Schongang – konzentrieren muß ich mich trotzdem. Die Sauna lockt, und ich sehne mich nach der muffigen Wärme.

Der Abend – nach dem Essen

 

Diese späten Abende werden zunehmend intensiver: die Gespräche gehen tiefer, wir haben gelernt, uns zuzuhören, wir erzählen sehr private Dinge – sprechen auch über unsere Schwierigkeiten, Enttäuschungen und Zweifel im Training und am Aikido. Möglicherweise sprechen wir zu wenig über den Trainingstag. Ich beziehe an einem Nachmittag eine gewaltige Tracht Prügel, mit der ich nicht umgehen kann. Sie wurde mir sicherlich nicht aus Bösartigkeit verabreicht, mein Partner wollte mich auf irgendetwas aufmerksam machen, das mit meinem Awase zu tun hat und er schon seit Tagen bemerkt hat, er kann aber nicht erklären, worauf genau er hinauswollte. Hätte sich das vermeiden lassen, wenn er eines Abends etwas gesagt hätte? Ich fühle mich sinnlos zusammengeschlagen, obwohl ich es eigentlich besser weiß. Sowohl mein Trainingspartner als auch ich sind entsetzt über die Situation und zu einem klärenden Gespräch nicht mehr fähig: uns beiden fehlen die Worte. Einer der Sempai vermittelt, wir landen bei „völlig mißratene pädagogische Maßnahme“ und „gegenseitige Fehleinschätzung“ und „Überforderung“. Zwar sind wir uns nicht böse, aber der Schock sitzt tief. Die endgültige Klärung und gegenseitige Entschuldigungen folgen am späten Abend, die Sache ist bereinigt.

Bis dahin kümmern sich die anderen rührend sowohl um mich als auch meinen Trainingspartner.

 

Wer keine Luftmatratze dabei hat, sucht sich zur Nacht in der Küche Sitzpolster zusammen: auf denen kann man hervorragend liegen. Ich hole meist gegen elf Uhr meinen Schlafsack vom Dachboden. Um diese Zeit ist es im schwedischen Hochsommer immer noch nicht richtig dunkel draußen.

 

Der letzte späte Abend dauert bis um vier Uhr morgens. Es war der letzte Abend der ersten Woche: im Dojo gab es eine Party, bei der wir uchi deshi T-Shirts überreicht bekamen. Wir haben sie natürlich alle sofort übergestreift – ich hocke mit einem Glas russischem Wodka an der Küchenwand bin stolz und müde und glücklich. Die Skandinavier sind bis auf einen Schweden abgereist, und wir anderen haben mit ein paar Göteborgern zusammengesessen und uns die Seelen aus den Leibern geredet.

Um acht Uhr früh wecken mich die beiden Russinnen: sie haben sich den Wecker gestellt, um in der Küche aufzuräumen. Für das Wochenende sind keine Toban eingeteilt. Also hat weder jemand aufgeräumt noch eingekauft. Ich bin froh, an die frische Luft geschickt zu werden und stolpere den Berg hinunter zum Lebensmittelgeschäft - das auch am Wochenende geöffnet hat.

 

Nach dem Frühstück packe ich, verabschiede mich und verlasse das Dojo. Es fühlt sich an wie ein endgültiger Abschied: ich lasse etwas zurück. Was ich mitnehme, spüre ich noch gar nicht.

Es ist ein merkwürdiges Gefühl, wieder in das „wirkliche“ Leben zurückzukehren. Die räumliche Enge fällt von mir ab, die Pflichten, die Etikette, die eingeschaltete Dauer-Rücksichtnahme, der Geräuschfilter, die ständige Beobachtung der Umgebung, die permantente Selbstkontrolle. All das bemerke ich erst jetzt, als ich in der Straßenbahn „nach Hause“ sitze.

Ich fühle mich immer noch mit den anderen verbunden, den klarlackierten Holzdielen auf dem Küchenboden, dem Mattentuch unter den Füßen und den weißen Jackenärmeln.

Auch ein Pappbecher Milchkaffee im Einkaufszentrum kann mich nicht vollständig vom Dojo trennen. Bei der Bestellung dämmert mir, wie sehr wir uns in unserem Babylon am Ende durch den bloßen Klang von Wörtern verständigt haben. Trotz unserer Suche nach der richtigen Vokabel.

 

Als ich nach einem privaten Einkauf zum Opernhaus am Hafen schlendere, komme ich mir vor, als wäre ich jahrelang aus der Welt gewesen.

 

Gegenüber vom Opernhaus, auf der anderen Hafenseite, sind drei große Bühnen aufgebaut. Gerade geht ein Soundcheck zuende: Heavy Metal. Den ersten Auftritt bekomme ich vollständig mit – es ist ein Festival, das gerade begonnen hat.

Ich sitze fassungslos auf einer Bank, lasse mir den Wind um die Nase und die Musik um die Ohren wehen. Und muß lachen.

Noch mit den Gedanken in einer weißen Welt, bin ich in einer schwarzen gelandet.

Und das neben dem Opernhaus am Hafen.

 

Christiane

(Herbst 2007)  

 

 

 

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