Es ist nicht immer leicht, sich selbst auf diese Weise zu begegnen…

… und doch, mitunter gelingt es. Das andere Ich, dem man dann begegnet, wird wie ein alter, lieber Verwandter begrüßt und begeistert trifft man seinen lange verschollenen Vater, seine liebende Mutter und seine süße Schwester wieder in der eigenen Person.

Ich bewege mich, fühle mich als Einheit und mein Körper setzt meinen Willen um. Das ist Technik. Mein Geist schafft die Magie, die die Schwerkraft aufzuheben scheint, die Unwahrscheinliches nicht nur möglich, sondern natürlich macht, die die Bewegung am unempfundenen Übergang von Willen und Tat fasst und scheinbare Gegensätze harmonisch versöhnt. Übernatur und Gewohnheit werden eins, paradoxe Lebenserfahrungen ergeben sich fließend in Eins, Gewalt und Missgunst brechen sich an sich selbst und werden schließlich, in umgewandelter Form, zu reiner und neutraler Energie, die ihre eigenen Geheimnisse trägt.

Wie lange können Sätze sein, um noch verstanden zu werden? Wie lange müssten sie sein, damit Aikido definiert würde?

Etwas grenzenlos Fließendes kann man nicht “definieren”. Es müsste ein neues Wort gefunden werden, eine neue Begrifflichkeit; denn versuchte man Aikido zu fassen, auch nur in Worte, würde es nachgeben und die eigene Energie, die Grenzziehungsarbeit fließend machen, sich winden und wiegen und mich mit Charme auf meinen Fehler hinweisen, stetig Umfließendes fest machen zu wollen.

Aikido lässt sich nicht feststellen, es lässt sich erahnen, erspüren, erdenken manchmal – aber nicht bestimmen. Es ist wandelbar wie Wasser, wechselt seine Aggregatszustände von knochenhart bis gasförmig, atmet sich aus und rinnt als seltsam präsente Flüssigkeit durch nicht vorhandene Adern. Wer Aikido erlebt hat, hat verstanden, dass “Verstehen” hier nicht möglich ist, befindet sich mitten im Paradoxon des Menschseins.

Dieses auszuhalten, den eigenen Mittelpunkt im anderen zu spüren, ein Gefühl für sich zuzulassen und diesem nachzugehen – alles im Gewand einer Kampfkunst – mag für manche zu viel Ideologie sein. Zu viel Weltanschauung, zu viel Tao, Buddhismus oder Nächstenliebe. Zu viel Ich im Kontakt mit sich selbst, mit mir selbst.

Aikido ist nicht einfach. Es nimmt dir deine Vorurteile. Es befreit dich entweder von bedrückenden Gedanken oder es lässt dich deine Unfreiheit spüren. Ohne Zuneigung zum anderen, kann man diese Kunst nicht leben, kann keine einzige Technik richtig anwenden oder versuchen zu verstehen. Dieses gnadenlos einfache “Ich liebe mich” als Voraussetzung für die Liebe zu einem anderen Menschen, gelebte Liebe in der Tat und im Gedanken, ein Gefühl für das Ich im Partner, dem ich mich stelle und dem ich verzeihe – mir verzeihe – worin ich mich früher gekränkt habe. Immer wieder neu, jeden Abend für sich in unendlicher und schließlich endlicher Reihe.

Am Ende ist Aikido Begegnung. Es ist die Abwesenheit von Furcht. Aber es ist viel mehr, denn es ist Freiheit, ein Abschied von liebgewonnener Selbstbeschränkung, ein Lebewohl zu dem Ich, dass man zu kennen glaubte. Aikido ist Ernüchterung im positivsten Sinne.

Ich atme ein – und ich bin in Bewegung, fließe, umfließe andere und unsere Probleme und beginne zu verstehen, dass man nicht begreifen muss, um ergriffen zu sein.

Andreas Kern

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