Ai

Ich wurde gefragt, warum ich Aikido mache! Ja nun, eine gute Frage. Warum macht man etwas. Zum einen ist es die Faszination einer Sache, deren Leuchten uns Motten anzieht, zum anderen die banale Situation der mangelnden Gelegenheit, die uns dahin zieht, wohin wir eigentlich erst garnicht wollten. Die Kompromissmäuse lauern überall auf den Käse, der oft nur in den Fallen zu haben ist.

Na gut, was hat das mit der Entscheidung zu tun, Aikido auszuüben. Früher habe ich viel Sport getrieben, dann gar nicht mehr. Irgendwann fing dann die Malaisse mit den Muskelbeschwerden an und fortan war gymnastische Bewegung angesagt. Nach Krankengymnastik folgte Muckibude, Joggen und Schwimmen. Das alles war aber nicht wirklich ergreifend; außer den Saunabesuchen gab mir diese individualisierte Sportausübung nicht wirklich viel.

Aber alles Jammern hilft nicht, die Muskeln müssen bewegt werden. Als Kind habe ich gerne gerauft, als Jugendlicher inhalierte ich kosmische Energie, als Erwachsener blieb ich der Suchende, der Wandernde. Was liegt also näher als diese drei Begriffe in Bewegung umzusetzen.

Ki

Aber auch hier fehlt die letzte Komponente, das Glück (oder nennen wir es, um nicht in den Kulturen zu springen ZEN). Die ersten Ansätze, eine Kampfkunst zu trainieren, scheiterten daran, dass die Dojos außerhalb meiner Reichweite lagen oder mir die Mitgliedschaft zu teuer erschien. Es war also noch Zeit, die Entscheidung reifen zu lassen. Aikido rückte immer mehr in den Fokus meines Interesses, da jede weitere Information, die ich zufällig oder gesucht bekam, die Sympathie zu dieser Sportart vergrößerte. Dazu gehörte zuvorderst, dass Aikido eine Verteidigungskunst ist, und, was mir doch seit meinem UNI-Abschluss wichtig ist, dass keine Wettkämpfe ausgetragen werden. Des Weiteren empfahl auch meine Ärztin diesen Kampfsport. Und Respekt flößt dieser Begriff allein durch seine Erwähnung schon aus.

Do

Zufällig entdeckte ich schließlich am schwarzen Brett der FTG in Ffm-Bockenheim eine Aushang: Aikidotraining auch für Anfänger Di und Fr im Rahmen der Mitgliedschaft der FTG. Das war’s dann: Mitglied war ich seit Jahren, die Trainigszeiten lagen innerhalb der Möglichkeiten eines Familienvaters.

Die ersten Trainings verliefen nach der normalen Nervosität und der kraftraubenden Anstrengung, jede Technik so gut wie möglich auszuführen, ziemlich gut. Ein paar Tricks ließen sich gut nachmachen, von den Vorführungen der Fortgeschrittenen war ich nur verblüfft und verwundert. Diese Grazie, diese detailierte Kenntnis der Hebelgesetze in Anwendung körperlicher Bewegungsabläufe, die Aufnahme und das Recycling von Energie, die – vom Gegner empfangen – diesem vervielfacht zurückgegeben wird! Wow, das ist heiß.

Die Sicht aus der Anfängerperspektive wich schnell der Routine des einigermaßen regelmäßig Trainierenden. Ständige Wiederholungen der Grundtechniken, immer brutaler werdende Fallübungen stählten den Körper, der Blick auf die Hebelgesetze und der Versuch, diese an Körpergelenken anzuwenden, ließen die Herausforderungen an Körper und Verstand wachsen. Ein kleiner Wermutstropfen (auch wenn ich kaum Alkohol trinke) war dann, dass ich in regelmäßigen Abständen eine Prüfung ablegen sollte. Nun ja, auch im Aikido wird einem nichts geschenkt. Um den schwarzen Gürtel zu bekommen, muss der Proband erst einige bunte Gürtel haben, diese allerdings auch nur ideell, der zu tragende Gürtel bleibt weiß, bis der schwarze ihn ablöst.

Die Geheimnisse der Aikidotechniken haben sich mir mittlerweile einigermaßen eröffnet, Bewegungsabläufe, von denen ich anfangs dachte, dass ich sie nie hinbekommen würde, haben sich durch häufiges Wiederholen verinnerlicht oder werden halt lange geübt.

Aikido macht Spaß, immer noch, auch noch nach einigen Jahren regelmäßigen Trainings mit fast immer den gleichen Leuten. Aikido ist körperliche und mentale Herausforderung, aber nicht nur. Manchmal läuft es wie geschmiert, alle Bewegungen sind rund, harmonisch und effektiv. Ein anderes Mal hakt es hier und dort, noch nicht einmal die einfachste Übung will gelingen. Das alles gehört dazu, das alles ist gut so. Derjenige, der sich entscheidet, Aikido zu trainieren, hat es so angenommen. Er hat sich für das durch Ai beherrschte Lebensgefühl entschieden, er vertraut der Kraft innerer Energie, die sich nach außen richten kann, er ist derjenige, der auf dem Weg ist, Ai, Ki und Do zu verbinden. Gelingt diese Verbindung irgendwann, wird Aikido gelebt, ein Mythos Wirklichkeit …

Diese Perspektive haben Spiritualisten, deren Glaubenskraft eine synthetische Wirkung ermöglicht.

Aber auch Abendländern wie mir bringt Aikido eine Menge Vorteile: Körperliche und geistige Beweglichkeit, Selbstvertrauen, Arbeit am Selbstbewusstsein und vor allem Spaß an Sport und an der Kampfkunst.

Warum also mache ich Aikido? Wirkt das Ki in mir oder doch nicht? Möglicherweise habe nicht ich Aikido gefunden, sondern Aikido mich …. und also bin ich auf dem Weg, auf meinem Weg, immer noch. Bei Laotse heißt das: Der Weg ist das Ziel …

Onegaishimasu

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